Helmuth Kiesel über Alfred Döblins Großstadtroman Berlin Alexanderplatz (Teil 2)

lit radio kiesel webDie im November 1918 ausgerufene deutsche Republik war von Beginn an gravierenden Gefährdungen ausgesetzt. Schon bei ihrem Entstehen musste sie sich Putschversuchen und Aufständen von Antidemokraten erwehren. Massenarbeitslosigkeit, Kriegsschäden und die harten Forderungen des Versailler Vertrags lasteten schwer auf der jungen Demokratie. Zudem behinderten einflussreiche Eliten des Kaiserreichs einen grundlegenden Neuanfang. Nach ersten Krisenjahren zeichnete sich mit Erfolgen in der Außen- und Innenpolitik eine Phase der Stabilisierung ab. Trotz brüchigen Friedens erlebte die Republik in den „goldenen 20er Jahren“ nicht nur eine Spanne relativer wirtschaftlicher Konsolidierung, sondern auch eine Blütezeit des kulturellen Lebens und der Wissenschaft. Die Auswirkungen des „Schwarzen Freitags“ im Oktober 1929 trafen Deutschland besonders schwer und machten viele hoffnungsvolle Entwicklungen zunichte. Im Schatten der Weltwirtschaftskrise, die in weiten Teilen der Bevölkerung zu sozialem Abstieg und Armut führte, nahm die politische Radikalisierung zu, schwächten Regierungskrisen die Republik zusehends, zerfaserte das Parteiensystem und erstarkte die nationalsozialistische Bewegung. Am Beispiel von Akteuren unterschiedlicher Bereiche des damaligen öffentlichen Lebens sollen Aufstieg und Leistungen, Belastungen und Scheitern der Weimarer Republik veranschaulicht werden. Prof. Dr. Helmuth Kiesel, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Heidelberg referiert zum Thema: Provinz gegen Metropole - Der Streit um Alfred Döblins Großstadtroman Berlin Alexanderplatz.

Dieser Link führt zum zweiten Teil des Vortrags von Helmuth Kiesel über Alfred Döblin

Dieser Link führt zum Programmblatt der Veranstaltung in der Katholischen Akademie Bayern

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Christof Breitsameter über Giovanni Boccaccio (Teil 1)

lit radio breitsameter webDas 14. Jahrhundert gilt als Krisenzeit des Mittelalters. „Dramatisches Jahrhundert“ nannte es die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman in ihrem Klassiker „Der ferne Spiegel“. Der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England, in der Kirche die „Avignonesische Gefangenschaft“ und das große abendländische Schisma, Pestepidemien und Naturkatastrophen – war das alles aber nur eine dunkle Epoche? Humanismus und Renaissance nahmen ihren Anfang, Giotto di Bondone ragt als Wegbereiter der neuzeitlichen Malerei hervor, in der Literatur Giovanni Boccaccio, dessen „Decamerone“ nachhaltig die abendländische Literatur beeinflusste. Die Vorstellung von Liebe, wie sie in Boccaccios „Decameron“ in die Welt trat, hatte unabsehbare Folgen für das neu sich herausbildende Verständnis von Passion und Begehren. An die Stelle der traditionellen Betonung der „überirdischen“ Liebe tritt nun eine geradezu revolutionäre Erklärung zugunsten der „irdischen“. Wird Liebe freilich als soziales Spiel und Anlass von Täuschung verstanden, bedarf es einer neuen Theorie: Es entsteht ein poetisch gefärbtes Modell der Intersubjektivität. Die Journalistin Angelika Irgens-Defregger schrieb in ihrem Bericht über die Veranstaltung: Die Liebe beschreibt Boccaccio als einen natürlichen Vorgang. „An die Stelle der Liebe als metaphysisches Weltgesetz und Aufstieg zu Gott tritt die Liebe als naturgemäßer Trieb und Drang. Mitverantwortlich für die Liebe: die Schönheit der Frau, die schon damals hauptsächlich im Auge des männlichen Betrachters lag. Die Theologen des Mittelalters sahen in ihr ein sekundäres und noch dazu unehrenhaftes Motiv für die Ehe, weil diese ihrer Meinung nach die Vernunft eines Mannes zu betäuben in der Lage sei. Bei Boccaccio hingegen wird die Schönheit der Frau nicht nur als ehrenhaftes Motiv bezeichnet, sie wird sogar zum primären Motiv, weil sich an ihr die Liebe entzündet.“

Dieser Link führt zum Vortrag von Christof Breitsameter

Siehe auch das Sonderheft der "debatte" Nur eine finstere Krisenzeit?

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Christof Breitsameter über Giovanni Boccaccio (Teil 2)

lit radio breitsameter webDas 14. Jahrhundert gilt als Krisenzeit des Mittelalters. „Dramatisches Jahrhundert“ nannte es die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman in ihrem Klassiker „Der ferne Spiegel“. Der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England, in der Kirche die „Avignonesische Gefangenschaft“ und das große abendländische Schisma, Pestepidemien und Naturkatastrophen – war das alles aber nur eine dunkle Epoche? Humanismus und Renaissance nahmen ihren Anfang, Giotto di Bondone ragt als Wegbereiter der neuzeitlichen Malerei hervor, in der Literatur Giovanni Boccaccio, dessen „Decamerone“ nachhaltig die abendländische Literatur beeinflusste. Die Vorstellung von Liebe, wie sie in Boccaccios „Decameron“ in die Welt trat, hatte unabsehbare Folgen für das neu sich herausbildende Verständnis von Passion und Begehren. An die Stelle der traditionellen Betonung der „überirdischen“ Liebe tritt nun eine geradezu revolutionäre Erklärung zugunsten der „irdischen“. Wird Liebe freilich als soziales Spiel und Anlass von Täuschung verstanden, bedarf es einer neuen Theorie: Es entsteht ein poetisch gefärbtes Modell der Intersubjektivität. Die Journalistin Angelika Irgens-Defregger schrieb in ihrem Bericht über die Veranstaltung: Die Liebe beschreibt Boccaccio als einen natürlichen Vorgang. „An die Stelle der Liebe als metaphysisches Weltgesetz und Aufstieg zu Gott tritt die Liebe als naturgemäßer Trieb und Drang. Mitverantwortlich für die Liebe: die Schönheit der Frau, die schon damals hauptsächlich im Auge des männlichen Betrachters lag. Die Theologen des Mittelalters sahen in ihr ein sekundäres und noch dazu unehrenhaftes Motiv für die Ehe, weil diese ihrer Meinung nach die Vernunft eines Mannes zu betäuben in der Lage sei. Bei Boccaccio hingegen wird die Schönheit der Frau nicht nur als ehrenhaftes Motiv bezeichnet, sie wird sogar zum primären Motiv, weil sich an ihr die Liebe entzündet.“

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Siehe auch das Sonderheft der "debatte" Nur eine finstere Krisenzeit?

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Otto Betz über Rainer Maria Rilke (Teil 1)

lit radio betz webBeim Studientag "Ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens" über Rainer Maria Rilkes meditativen Blick in die Welt referierte Otto Betz, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Das poetische Werk Rainer Maria Rilkes hat auch 85 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Faszination und seiner Wirkkraft eingebüßt. Was waren die Pole seines Denkens? Einerseits war er von einer nachdrücklichen Hinwendung zur Erde bestimmt, andererseits bekannte er: „Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.“ Rilke war darum bemüht, eine Schaufähigkeit zu entwickeln, die der Geheimnishaftigkeit der Wirklichkeit gerecht wird und ihren ‚epiphanischen Charakter‘ sichtbar macht. Den Menschen sah er in ein Spiel hineingenommen; und dieser solle auch darin mitspielen, um seiner Berufung gerecht zu werden. Die Bildsprache Rilkes legt uns nicht fest, sie schafft einen Raum und weckt unsere Imaginationsfähigkeit. Rilke hat kein Denksystem entwickelt und fordert nicht zur Nachfolge auf. Aber er lädt uns ein, ihm in den Garten seiner Bilderwelt zu folgen und seine Impulse in unser eigenes Leben hineinzunehmen. Als meditativer Dichter ist er noch zu entdecken.

Dieser Link führt zum Vortrag von Otto Betz

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Otto Betz über Rainer Maria Rilke (Teil 2)

lit radio betzB webBeim Studientag "Ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens" über Rainer Maria Rilkes meditativen Blick in die Welt referierte Otto Betz, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Das poetische Werk Rainer Maria Rilkes hat auch 85 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Faszination und seiner Wirkkraft eingebüßt. Was waren die Pole seines Denkens? Einerseits war er von einer nachdrücklichen Hinwendung zur Erde bestimmt, andererseits bekannte er: „Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.“ Rilke war darum bemüht, eine Schaufähigkeit zu entwickeln, die der Geheimnishaftigkeit der Wirklichkeit gerecht wird und ihren ‚epiphanischen Charakter‘ sichtbar macht. Den Menschen sah er in ein Spiel hineingenommen; und dieser solle auch darin mitspielen, um seiner Berufung gerecht zu werden. Die Bildsprache Rilkes legt uns nicht fest, sie schafft einen Raum und weckt unsere Imaginationsfähigkeit. Rilke hat kein Denksystem entwickelt und fordert nicht zur Nachfolge auf. Aber er lädt uns ein, ihm in den Garten seiner Bilderwelt zu folgen und seine Impulse in unser eigenes Leben hineinzunehmen. Als meditativer Dichter ist er noch zu entdecken.

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